(Frei nach Andersen)
Ein Freund erzählte mir kürzlich folgendes Märchen:
Es waren einmal ein Präsident und ein Premierminister, die hielten ihre Bürger für Untertanen und ihre Untertanen für blöde. Sie wollten am liebsten durch Furcht und Schrecken herrschen, wie einst ihre Vorbilder im Mittelalter, um davon abzulenken, daß sie ihre Reiche heruntergewirtschaftet hatten.
Dieses machten sich ein paar Gauner zunutze, die dadurch reich und mächtig zu werden hofften. Sie gingen hin zu den beiden Herrschern und erzählten ihnen, es gäbe da weit, weit weg, im fernen Asien, ein böses Volk, das wolle sich eine Wunderwaffe verschaffen und damit die ganze Welt unterwerfen. Das griffen der Präsident und der Premierminister begierig auf, denn nun vermeinten sie zu wissen, wie sie die Welt in Angst und Schrecken halten könnten: indem sie das Volk am andern Ende der Welt zum größten und gefährlichsten Feind aller Zeiten erklärten. Die Gauner hatten, um nicht sogleich als Lügner und Betrüger entlarvt zu werden, eine List erdacht. Sie erzählten überall herum, die Wunderwaffe der Asiaten sei so wundersam, daß nur die wahren Anhänger von Demokratie und Marktwirtschaft sie sehen könnten. Allen anderen aber, den Dummen und nicht Rechtgläubigen, würden sie erscheinen wie nichts.
Da wagte niemand, das Vorhandensein dieser Wunderwaffe anzuzweifeln, denn keiner wollte als Feind von Demokratie und Marktwirtschaft dastehen. Alle Hofjournalisten und Hofprofessoren und Hofparlamentarier erklärten im Brustton der Überzeugung, diese Wunderwaffe und dieser Feind seien wirklich die größte Gefahr, die man sich überhaupt vorstellen könne. Sie begannen Schauermärchen über die bösen Asiaten und die schreckliche Waffe zu verbreiten, die noch furchterregender waren als all die Lügengeschichten, die sich die Gauner ausgedacht hatten. Der Präsident und der Premierminister planten nun einen Krieg gegen das fremde Volk, auf den sie sich schon sehr freuten, und sie waren hochzufrieden mit den Gaunern, weil sie ihre tölpelhaften Untertanen ganz im Griff hatten - so jedenfalls meinten sie.
Als aber eines Tages Regierung und Hofstaat und Volk beisammen saßen und die neuesten Berichte über die bösen Asiaten hörten und ein jeder beteuerte, wie schrecklich deren Pläne und Waffen seien und was für ein getreuer Anhänger von Demokratie und Marktwirtschaft er wäre - da geschah es, daß ein Papagei, den der Hofkoch mitgebracht hatte, laut zu krächzen anfing: “Da ist ja gar keine Waffe! Da ist doch gar nichts!” Premierminister und Präsident wurden zornesrot, als der Papagei nicht aufhören wollte, und wollten ihm den Hals umdrehen. Aber alle anderen erinnerten sich, wie oft die beiden sie schon belogen und betrogen hatten, und schimpften und lachten die bösen Herrscher aus.
Schließlich wurden beide mit Schimpf und Schande fortgejagt. Und die Hofleute und Bürger schämten sich, daß sie sich wie tölpelhafte Untertanen verhalten hatten und noch dümmere Papageien gewesen waren als
der Papagei des Kochs.
Es grüßt Ihr Eulenspiegel*
Aufgrund einer Beschwerde de r Eulenspiegel GmbH Vertriebsleitung verweisen wir darauf, daß dieser “Eulenspiegel” keineswegs mit den “Eulenspiegeln” identisch und auch nicht einer “unser” Schreiberlinge ist. Wie anhand unten stehenden Links leicht erkennbar ist, handelt es sich bei diesem Artikel um eine Übernahme aus der NEUEN SOLIDARITÄT. Inwieweit diese mit dem richtigen Eulenspiegel bekannt ist oder Namensrechte aus dem Erbteil von dessen Verwandtschaft haben ist uns unbekannt. Sollte sich daher ein Eulenspiegel durch diese Namenswahl gekrankt sehen, so bitten wir um Vergebung, müssen ihn aber darauf hinweisen, daß er beileibe nicht der einzige Narr in diesem Universum ist, der Anspruch auf das Attribut ein Eulenspiegel zu sein hat.
Die Schriftleitung
Quelle_:Neue Solidarität Jg. 33 Nr. 5 (1.2.2006) | ISSN-0949-9989


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