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Wer als Kind in der westdeutschen Gesellschaft aufgewachsen ist, kennt aus Kinofilmen, vor allem wenn sie aus Hollywood stammen, die immer wieder monoton hervorgebrachte Botschaft: Die Amis sind die Guten, die Juden die einzigartigen Opfer, wobei die Feinde derselben immer nur böse und brutal vorgehen. Diese an Dumpfsinn grenzende Botschaft gilt dann ebenso für Nazi-Deutsche in Filmen von Steven Spielberg wie für Vietnamesen bei Sylvester Stallone und die vielen anderen indianischen, arabischen, chinesischen und russischen Schurken.
Wer den mit deutschen Untertiteln versehenen türkischen Film „Das Tal der Wölfe“ (türkisch: Kurtlar Vadisi) gesehen hat, kennt nun eine andere Botschaft: Die Türken, vor allem wenn sie Nationalisten sind, sind die Guten, die amerikanischen Besatzer im Irak sind grausame und gewissenlose Menschenschlächter.
Das gleiche, so das Drehbuch, gelte auch für die kurdischen Kollaborateure der USA und natürlich für den fiktiven jüdischen Arzt, der im Lager Abu Ghraib muslimische Gefangene von ihren Organen „befreit“. Daß hier der Shylock aus William Shakespeares Kaufmann von Venedig auferstanden ist, diesmal freilich nicht nach christlichem Menschenfleisch gierend, sondern mit muslimischen Körperorganen schachernd, gibt dem Film eine besondere Note.
Vieles in dem türkischen Action Film ist natürlich Fiktion, aber ein paar wirkliche Begebenheiten wurden in dem Streifen aufgearbeitet. Da sind zum einen die bombardierte Moschee und das Massaker der US-Armee an einer muslimischen Hochzeitsgesellschaft im Irak. Als Vorwand galt der Umstand, daß auf solchen Hochzeiten die Stammeskrieger vor Freude in die Luft ballern.
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Zum anderen wird die Demütigung für das türkische Nationalgefühl aufgearbeitet, das aus einer wirklichen Begebenheit, nämlich der Verhaftung einer türkischen Spezialeinheit durch US-Militär auf irakischem Boden herrührt. Dabei wurden den türkischen Gefangenen Säcke über die Köpfe gestülpt, was später – im Film – den Befehlshaber der Gruppe zum Selbstmord bewegt. Sein Bruder, ein türkischer James Bond, bricht dann in den Irak auf, um den Tod seines Bruders, vielmehr noch die nationale Schmach der Türkei zu rächen. Er wird jeden fertig machen, so verkündet er, der einem Türken einen Sack über den Kopf zieht. So kommt es nun zu zahlreichen Kämpfen, an deren Ende – im Film – der türkische Nationalismus über den amerikanischen Besatzungsterror triumphiert.
Das Gute an dem Film ist, daß sich hierzulande die Verfechter der westlichen Wertegemeinschaft wieder einmal selbst demaskiert haben. Meinungs- und Kunstfreiheit sehen westliche Systeme nur vor, solange nicht das westliche System selbst in Frage gestellt wird. So forderten zunächst jüdische Interessenvertreter die Filmvorführung zu stoppen, weil diese antiamerikanische und antisemitische Botschaften transportiere. Wie auf Bestellung preschten zahlreiche Politiker wie Edmund Stoiber hervor, die den Film aus den gleichen Gründen zensiert sehen möchten. Während über die Altersfreigabe des türkischen Action-Films für Jugendliche debattiert wurde, nahm Cinemaxx, die größte deutsche Kinokette, den umstrittenen Film kurzerhand aus dem Programm.
Verwirrung herrscht auf der Rechten wie auf der Linken. Während konservative Gutmenschen wie Rolf Stolz den „Islamismus“ stoppen möchten, sieht der Marxist Jürgen Elsässer in „Junge Welt“ in dem türkischen Film den Antiimperialismus wirken. Demgegenüber hält ihm Nick Braus, ebenfalls in „Junge Welt“, entgegen, daß das „Motiv“ des Films „nicht Antiimperialismus, sondern die Rettung der nationalen Ehre“ sei. Sehr richtig. Nur hat Brauns noch nicht begriffen, daß Antiimperialismus immer aus konkretem Nationalismus hervorgeht – ob aus türkischem, deutschem, arabischem oder vietnamesischem.
Deshalb gibt es nicht „den“ Antiimperialismus, sondern immer mehrere davon. Hingegen ist „Antiimperialismus“, der sich nicht auf eigene nationale Interessen beruft, völlig substanzlos. Sicherlich gehört die Sympathie für den Befreiungsnationalismus anderer Völker mit dazu, wer allerdings zur Befreiung der eigenen Nation, wie Nick Brauns, nichts beizutragen hat – außer „Nazis vertreiben“ –, arbeitet hierzulande dem Besatzer, den USA, in die Hände. Demgegenüber scheint Jürgen Elsässer diesen Zusammenhang erkannt zu haben.
Jürgen Schwab
Quelle: Störtebeker-Netz 25.02.06




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