Werden von einem Staat an einen anderen Staat Ansprüche gestellt, dann akzeptiert dieser andere Staat diese Ansprüche oder er lehnt sie ab. In Deutschland ist das zur Zeit noch anders. Da lehnt der gerade frisch gewählte deutsche Bundespräsident Horst Köhler die berechtigten Ansprüche vieler vertriebener Deutscher gegenüber Polen ab. Seinem polnischen Amtskollegen Aleksander Kwasniewski sagte er anläßlich seines Staatsbesuches, daß die Geschichte nicht umgeschrieben werden könne. Materielle Forderungen und das Aufrechnen des Leids, daß die vertriebenen Deutschen ertragen mußte, lehnte Köhler ab. Es gebe in Deutschland keine ernstzunehmende Kraft, die das politische Thema der Vermögensforderung aufnehme.
Der deutsche Bundespräsident versäumte nicht, auf die Schuld Deutschlands am Ausbruch des zweiten Weltkrieges hinzuweisen. „Wir Deutschen bleiben uns der historischen Verantwortung für diese schrecklichen Untaten bewußt“, behauptete Köhler kühn. Das Thema polnische Verbrechen an Deutschen, vor, während und nach dem Dritten Reich stand nicht auf der Tagesordnung des Staatsbesuches.
Horst Köhler hat mit diesen Äußerungen die üblichen Selbstbezichtigungen seiner Vorgänger fortgesetzt. Auch Johannes Rau hat in der „Danziger Erklärung“ die Forderungen nach Entschädigungen von vertriebenen Deutschen zurückgewiesen. Auch der neue Mann an der Spitze Deutschlands wird nicht über den Schatten der Vergangenheisbewältigung springen.
In einer Zeit, in der weltweit an Deutschland wegen Vorkommnissen in der Vergangenheit massive finanzielle Ansprüche gestellt werden, sollte es möglich sein, über deutsche Opfer und deutsche Verluste zu sprechen. Das, was von den Deutschen gefordert wird, ist in der Regel ausgesprochen zweifelhaft und die den Forderungen zugrunde liegenden historischen Fakten mehr als fragwürdig. Diese Fakten mußten hierzulande gegenüber Zweiflern erst einmal gesetzlich geschützt werden und die Forderungen werden in der Regel auf dem Umweg über die Androhung wirtschaftlicher Erpressungen durchgesetzt. Die deutsche Öffentlichkeit konnte das anläßlich der „Zwangsarbeiterentschädigung“ in Höhe von zehn Milliarden Mark beobachten. Als die unwillige Wirtschaft sich zunächst weigerte, die Hälfte dieses Betrages beizusteuern, wurden die Daumenschrauben des Boykotts der Firmen angesetzt.
Auf der anderen Seite sind die historischen Fakten für deutsche Ansprüche unzweifelhaft und die Ansprüche auch selbst begründet. Mehr als zwölf Millionen Deutsche wurden aus den Ostgebieten und dem Sudetenland brutal vertrieben. Vorher gingen sie durch die Hölle der Lynschjustiz entmenschter Tschechen, Polen und Russen. Millionen Deutsche wurden viehisch ermordet, ertranken in eisigen Gewässern oder verhungerten auf den Straßen oder erfroren. Mehr als ein Drittel hochkultivierten Staatsgebietes Deutschlands fiel den Polen, Tschechen und Russen in die Hände. Der Wert dieses Gebietes, der Wohngebäude, der landwirtschaftlichen Betriebe, der Industrieunternehmen und der Infrastruktur der Städte liegt nach heutigen Maßstäben nicht im Milliarden- sondern bereits im Billionenbereich. Es kommt hinzu das unermeßliche Leid, daß die Betroffenen zu ertragen hatten und das materiell überhaupt nicht wiedergutgemacht werden kann. Dieses Leid wird vergrößert durch das schamhafte Schweigen der deutschen Öffentlichkeit und die frechen Rechtfertigungen der Polen, Tschechen und Russen für diese Verbrechen.
Wenn eine Einrichtung wie die „Preußische Treuhand“ jetzt für verlorenen Besitz in den Ostgebieten Entschädigungen durchsetzen will, dann ist das angesichts der ungeheuerlichen Vorgänge gleich nach 1945 mehr als bescheiden. Wichtig ist aber, daß es legitim ist und der massiven Unterstützung der politischen Führung in Deutschland bedurfte. Da man sich dort aber in Selbstbezichtigung übt, kann auch nichts erwartet werden. Andere Völker haben da selbstbewußtere und entschlossenere Führungen.
Frank Schwerdt
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