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Altermedia Deutschland - Störtebeker-Netz: In einer Zeit des Universalbetruges ist die Wahrheit zu sagen eine revolutionäre Tat (George Orwell)

Die neue Galionsfigur (28.12.05)

19:02 · Post your comment (No Comments)

Schwerin / Mecklenburg: In heutigen Zeiten ist man ja schnell damit bei der Hand bestimmten Zeitgenossen öffentliche Ehren oder Gedenkfeiern zu versagen, wenn sich herausstellt, daß sie während des Dritten Reiches irgendeine untergeordnete Rolle gespielt haben. Diese wird dann in der Regel medial so aufgebauscht, daß man zuweilen fast den Eindruck gewinnen könnte, daß es sich bei diesen untergeordneten Chargen um Unholde gehandelt habe, die noch schlimmer gewesen seien als der Gottseibeiuns Adolf Hitler selber. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur an den Sportfunktionär Carl Diem, dessen Namen man erst unlängst, ungeachtet seiner Verdienste um den deutschen Sport, für unwürdig befand, einen Kölner Straßennamen zu zieren.

Mit anderen Persönlichkeiten der Geschichte ist man da schon wesentlich generöser. So ist uns eine ZDF-Sendung Guido Knopps in Erinnerung, bei der zur Abwechslung einmal nicht Adolf Hitler durchhechelte, sondern Dschingis Chan. Ein Mann von dessen Verbrechen noch heute Ruinen in vielen Teilen Asiens künden und dessen Feldzüge nahezu einen ganzen Kontinent um Jahrhunderte in seiner Entwicklung zurückgeworfen haben. Für Guido Knopp allerdings kein Grund darauf zu verzichten, ihn als großen und weisen Staatsmann zu preisen und unter dessen Herrschaft man in Asien Handel treiben konnte, ohne lästige Grenzkontrollen. So in etwa der Grundtenor der Sendung. Daß es da zwar noch einige Millionen Kollateralschäden gab erwähnte man eher beiläufig. In den USA brachte es eine Zeitschrift vor fünf oder sechs Jahren sogar fertig den blutrünstigen Mongolenfürsten zum Mann des Jahrtausends zu küren.

Da kann Mecklenburg-Vorpommern natürlich nicht abseits stehen. So lesen wir heute im NORDKURIER:

Albrecht Eusebius von Wallenstein

„Der legendäre Kriegsherr Wallenstein soll eine neue Heimat bekommen. Mecklenburg-Vorpommern will den Generalissimus des Kaisers im Dreißigjährigem Krieg quasi postum nach Hause holen. „Wallenstein war zugleich Rationalist und Visionär, ein Sinnbild für den modernen Menschen unserer Zeit“, schwärmt Bernhard Gläss, Leiter der Projektgruppe Landesmarketing in Schwerin. Er hat sich zum Ziel gesetzt, den „Erneuerer und Staatsmann als Identifikationsfigur für Mecklenburg-Vorpommern aufzubauen“. Immerhin war Wallenstein rund zwei Jahre lang Herzog von Mecklenburg. Währenddessen habe er – vor nunmehr 375 Jahren - dank „der ihm eigenen Reformfreude und Energie“ ein „wohlgeordnetes, blühendes Staatswesen“ geschaffen, so Gläss.“

Nach einigen Ausführungen über die Biographie des Heerführers heißt es dann weiter:
„…Die Historiker bezeichnen Wallenstein mal als „größten Heerführer seines Jahrhunderts“, mal als „eine der rätselhaftesten Erscheinungen der Geschichte“. Er soll genial und stolz, aber auch selbstsüchtig und verschlagen gewesen sein. Hinweise, dass er bei der Organisation seiner Verwaltung „klug und vorsichtig“ gewesen sei, sind eher selten.
Hier hakt Bernhard Gläss ein und schlägt den Bogen ins heutige Mecklenburg. Wallenstein habe als Herzog Verwaltung und Justiz getrennt und vereinfacht. Wallenstein sei ein Wirtschaftsförderer gewesen, der seiner Zeit voraus war. Um den Handel zu beleben, wurden die Maßeinheiten vereinheitlicht. Von Güstrow aus organisierte Wallenstein eine schnelle Reiter-Post. Zwischen Schwerin und Wismar begann der Bau eines Kanals, der Elbe und Ostsee verbinden sollte. Wallenstein verpflichtete Städte und Gemeinden zudem, Spitäler oder Armenhäuser einzurichten. Auch förderte er die Wissenschaften. Während ringsherum marodierende Truppen durchs Land zogen, brachte Wallensteins Herrschaft den Mecklenburgern nicht zuletzt für kurze Zeit Frieden. „Mecklenburg sollte Wallensteins Zukunft werden“, sagt Landesmarketing-Chef Gläss. „Er hat die Moderne hergebracht. Nicht auszudenken wo das Land stünde, wenn er hier geblieben wäre.“ Denn nach Wallensteins Abzug drehten die zurückgekehrten Mecklenburger Herzöge sämtliche Reformen zurück. Das Bild vom blutrünstigen Despoten stimme nicht, so Gläss. Wallenstein tauge durchaus zur „regionalen Identifikationsfigur“. …
Wallenstein könne nicht von heut auf morgen als Mecklenburgische Galionsfigur etabliert werden, räumt Gläss ein. Das brauche viele kleine Schritte wie den Wettbewerb „Schüler entdecken Wallenstein“. Dennoch hofft er, dass Mecklenburg-Vorpommern schon bald von „der Strahlkraft“ des alten Haudegens profitiert und sein Ruf Besucher ins Land lockt. Alternativen zu Wallenstein hat der Nordosten auch kaum zu bieten. Von ähnlichem Kaliber wäre nur der legendäre Seeräuber Klaus Störtebeker. Doch den haben die Hamburger längst unter ihre Fittiche genommen – obwohl sie ihm doch einst den Kopf abgeschlagen haben.“

Eine interessante Sichtweise bei der freilich auffällt, daß man es offenbar nicht für nötig befindet, darauf hinzuweisen, daß Wallenstein keineswegs so mir nichts dir nichts zum Herzog von Mecklenburg gekürt wurde, sondern nur im Rahmen des Dreißigjährigen Krieges, der in Mecklenburg und Pommern nicht zuletzt auch unter der Führung Wallensteins, der immerhin den Ausspruch: „Der Krieg ernährt den Krieg“ prägte, mit einer beispiellosen Grausamkeit geführt wurde. Gläss sagt: „Er hat die Moderne hergebracht. Nicht auszudenken wo das Land stünde, wenn er hier geblieben wäre.“ - Ja, wo stünde es wohl. Schwer zu sagen. Aber wo es stand als der Krieg zu Ende war, das können wir schon sagen. So verlor Mecklenburg während des 30jährigen Krieges weit über die Hälfte seiner Bevölkerung. Ganze Dörfer waren nicht mehr auffindbar und die meisten Städte verwüstet, verschuldet oder in der Hand landfremder Mächte.

Wallenstein Bringer der Moderne? – Der mecklenburgische Historiker Ernst Boll schreibt in seiner „Geschichte Meklenburgs“ (1856 - Bd. 2):
„Der Aberglaube, welcher schon vor dem Kriege nicht geringe in Meklenburg gewesen war, hatte durch denselben noch neue Nahrung gewonnen, indem durch die vielen fremden, namentlich die katholischen Soldaten vieler Stoff dazu ins Land eingeschleppt war. Dieser Zuwachs von Aberglauben nebst der Verwilderung des Volkes that nun sogleich nach dem Kriege den Hexenprocessen starken Vorschub, welche von nun an wahrhaft Ueberhand zu nehmen anfingen … Die Noth ist allerdings oft ein guter Lehrmeister gewesen, der unser Volk mit Dornen und Scorpionen gegeißelt, und daher statt es zu bessern, nur noch schlimmer gemacht hatte. … Wenn wir daher am Schlusse des Krieges die geringen Ueberreste unseres Volkes in einem ungewöhnlich hohen Grade der Entsittlichung antreffen, so darf uns dies nicht verwundern, da es unter den bezeichneten Umständen nicht füglich anders sein konnte.

Nicht viel anders die Lage in Pommern, das Wallenstein ebenfalls unter seine Kontrolle zu bringen gedachte. So war es dessen auf länger gestecktes Ziel Mecklenburg und Pommern unter seine gemeinsame Herrschaft zu bringen. Angesichts der damaligen Verhältnisse im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation sicherlich kein allzu tadelnswerter Gedanke, aber um welchen Preis. So sagte schon der namhafte Historiker Martin Wehrmann in seiner 1921 erschienen Geschichte Pommerns, daß mit der Aufnahme von Wallensteins Scharen durch die Franzburger Kapitulation von 1627 die Unglückszeit Pommerns begann. Fortan war das Land Schauplatz von Kämpfen kaiserlicher, schwedischer und dänischer Truppen, bei denen die Kaiserlichen ebenso schlimm hausten wie die eigentlichen Reichsfeinde. Auch dies nicht zuletzt ein „Verdienst“ Wallensteins, des Führers in die Moderne. Kein Wunder wenn Wehrmann resümierend über den Krieg schreibt: „Der dreißigjährige Krieg ist von entscheidendem Einflusse auf die Geschicke Pommerns gewesen. Es wurde von den Schrecken des Krieges mehr als die meisten anderen deutschen Gebiete heimgesucht. Seine Selbständigkeit ging verloren, die Nachbarn, mit denen es oft und lange gekämpft hatte, gewannen die Herrschaft, und eine Teilung des Landes trat ein, welche den alten Zusammenhang der einzelnen Gebiete löste. …
Es ist schwer zu beschreiben, wie Pommern verwüstet und verödet war, und kaum zu entscheiden ob das platte Land oder die Städte mehr zu leiden gehabt hatten. …“

Natürlich wäre es Unfug Wallenstein hier als Alleinschuldigen für diese Lage verantwortlich machen zu wollen, fest steht aber auch, daß er im höchsten Grade dafür mitverantwortlich war und das es selbst aus heutiger Sicht schon etwas merkwürdig anmutet, ausgerechnet einen solchen Zeitgenossen zur „Galionsfigur“ Mecklenburg-Vorpommerns machen zu wollen. Dieses Vorhaben demonstriert einmal mehr die Art und Weise mit der man die Geschichtswissenschaft aus Marketinggründen zum Witz macht. Aber immerhin, ein Gutes hat die Sache schon, wenn man aus einem solchen Verwüster und Zerstörer des Landes heute eine „Galionsfigur“ machen will, warum sollte dies morgen nicht auch mit gewissen anderen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte geschehen. Zumal wenn diese in der Zeit ihres Wirkens durchaus bewiesen haben, daß sie die Belange des deutschen Volkes ernstnahmen und sich um dessen Wohlergehen ernsthaft bemühten, indem sie sich nicht bloßem Egoismus hingaben wie Wallenstein, sondern der Devise „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“.

Zu utopisch? Mag sein. Allerdings gehen wir davon aus, daß man gerade in den uns am nächsten liegenden Zeiten immer mehr Vergleichsmöglichkeiten entdecken wird, an denen man erkennt, daß diese dem Lande weitaus mehr Nutzen gebracht haben, als Wallenstein dem Lande Mecklenburg mit seinen hochgesteckten Machtphantasien, und von denen man ebenso gut sagen könnte, was wohl wäre, wenn diese ihren Krieg nicht verloren hätte. – Was dann wäre? Schwer zu sagen, aber das es uns schlechter oder sozial ungerechter gehen würde als heute halten wir für unwahrscheinlich und Probleme mit der Selbstachtung hätten wir vermutlich gar keine. Vielleicht sollte man sich ja doch einige andere „Galionsfiguren“ suchen, die nicht ganz so verstaubt sind wie Wallenstein, den man besser da lassen sollte wo er ist, in Böhmen.

Siehe auch
Nordkurier 2811.05

Quelle: Störtebeker-Netz 28.12.05

Tags: Allgemeines

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