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Ein beinahe verpaßtes Jubiläum – Zum Todestag von Heinrich von Treitschke (17.05.06)

May 17th, 2006 · Post your comment (3 Comments)

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Heinrich von Treitschke

Berlin: Wenn man bestimmten Jubiläen ein paar flüchtige Zeilen des Gedenkens widmen will, dann gehört es sich für gewöhnlich, daß man dies an Tagen tut, an denen sie sich jähren und nicht erst Wochen später, da derlei dann irgendwie witzlos und an den Haaren herbei gezogen anmutet. Wir haben daher großes Glück, daß sich uns noch ein Jubiläum bietet, daß uns erlaubt, an einen Mann zu erinnern, der zu den wichtigsten Namen der deutschen Geschichtsschreibung gehört, von deren heutigen Gralshütern allerdings als eine Art Unperson geführt wird, weil er sich nicht nur hinter dicken Folianten versteckte, sondern auch zu brennenden Problemen seiner Zeit Stellung bezog, ohne dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen – Heinrich von Treitschke.

Heute vor 110 Jahren veranstaltete die Berliner Studentenschaft eine große Trauerfeier für den am 28. April 1896 verstorbenen Treitschke, mit dem sie sein Leben und Wirken ehrte. Treitschke (*1834) gehörte zu den führenden Historikern seiner Zeit und wurde vor allem durch seine geschichtlichen Essays über historische Persönlichkeiten wie Cavour, Byron, Milton und andere Persönlichkeiten sowie durch Arbeiten zu zeitpolitischen Themen bekannt, in denen er die Einheit Deutschlands unter Führung Preußens verfocht. Sein Hauptwerk ist die fünfbändige Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, ein Werk dem man wegen seines überzeugenden Bekenntnisses zu Preußen damals wie heute Mangel an Objektivität und Sachlichkeit vorwirft, daß aber tatsächlich auch nicht weniger objektiv oder sachlich ist, als heutige Arbeiten zur gleichen Thematik auch. Darüber hinaus ist das Werk auch heute noch von einer lebendigen Frische, daß es selbst heutigen Lesern nicht nur vielfachen Nutzen und Belehrung verschafft, sondern auch eine überaus angenehme Lektüre.

Treitschke selbst entgegnete seinen Kritikern schon in seiner Widmung an Max Duncker, die er als Vorwort dem ersten Bande seiner Deutschen Geschichte vorangestellt hatte: „Es gibt viele Arten Geschichte zu schreiben, und jede ist berechtigt, wenn sie nur ihren Stil rein und streng einhält. Dies Buch will einfach erzählen und urteilen. Sollte die Darstellung nicht völlig formlos werden, so durfte ich den Lesern nur das fertige Ergebnis der Untersuchung vorlegen, ohne ihnen das Handwerkszeug der Forschung aufzuweisen oder sie mit polemischen Auseinandersetzungen belästigen. …
…Sie werden mich nicht tadeln, wenn Ihnen aus der gleichmäßigen historischen Rede dann und wann ein hellerer Ton entgegenklingt. Der Erzähler deutscher Geschichte löst seine Aufgabe nur halb, wenn er bloß den Zusammenhang der Ereignisse aufweist und mit Freimut sein Urteil sagt; er soll auch selber fühlen und in den Herzen seiner Leser zu erwecken wissen, was viele unserer Landsleute über den Zank und Verdruß des Augenblicks heute schon wieder verloren haben: die Freude am Vaterlande.“

Das schrieb Treitschke im Februar 1879. Worte die heute noch ebenso aktuell sein dürften wie damals und zwar keineswegs nur auf die Werke Treitschkes bezogen, sondern die moderne deutsche Zeitgeschichtsschreibung allgemein.

Wenn der Name Treitschke heute jedoch auch solchen Kreisen noch ein Begriff ist, die für gewöhnlich mit alter deutscher Geschichtsschreibung nicht allzu viel zu tun haben, so liegt dies ganz besonders an einem Aufsatz, den der Historiker am 15. November 1879 in den Preußischen Jahrbüchern veröffentlichte und der mit der Überschrift „Unsere Aussichten“ übertitelt ist. Dieser beginnt zunächst mit außenpolitischen Schilderungen russischer Politik, um sich dann einem Problem der deutschen Innenpolitik zu widmen, der Judenfrage. Unsere Leser werden an dieser Stelle sicherlich schon erraten haben, daß es hier um jenen Aufsatz handelt, in dem das Wort „Die Juden sind unser Unglück“ fällt und daß seitdem, meist aus dem Zusammenhang gerissen, als Beispiel für den Antisemitismus Treitschkes verwendet wird. Dabei konzentriert man sich vornehmlich auf dieses Zitat, während man den Rest des Textes im Allgemeinen wegläßt. Eine unseres Erachtens etwas ungerechte Verfahrensweise. Wir haben uns deshalb die Passagen des oben erwähnten Aufsatzes, die sich direkt mit der Judenfrage befassen, erstmals in ihrer Gesamtheit online zu veröffentlichen, damit sich ein jeder unserer Leser ein Bild davon machen kann, was Treitschke eigentlich wirklich gesagt hat.

Ehe wir jedoch dazu kommen, sei noch darauf hingewiesen, daß dieser Aufsatz ein regelrechtes Kesseltreiben gegen Treitschke auslöste, das historisch interessierten Kreisen noch heute als „Berliner Antisemitismusstreit“ bekannt ist und das auch aus heutiger Sicht nicht wenige Parallelen zu modernen Pressekampagnen gegen unliebsame politische Gegner aufweist. Die erste Sammlung dieser kontroversen Medienschlacht von damals wurden bereits 1965 in der Sammlung „Der Berliner Antisemitismusstreit“ von Walter Boelich beim Insel-Verlag in Frankfurt am Main veröffentlicht. Darüber hinaus gibt es inzwischen auch eine umfassende zweibändige Ausgabe zu dieser Thematik unter gleichem Titel, die wohl alle damals dazu erschienenen Artikel umfaßt und die 2003 beim Saur-Verlag erschienen ist, allerdings stolze 258 (!!) Euro kostet und daher wohl nicht für jeden erschwinglich ist. Offenbar soll dieser Preis davor abschrecken, sich allzu intensiv mit diesen Polemiken auseinanderzusetzen, zumal darin nicht nur die Treitschke-feindlichen, sondern auch die Treitschke-freundlichen Polemiken stehen.

Doch soll uns das nicht bekümmern, genügt uns doch die Dokumentation des Aufsatzes aus dem Jahre 1879 der den Stein ins Rollen gebracht hat und den wir an dieser Stelle wie folgt zitieren wollen:

*Die Schreibweise der Erstveröffentlichung wurde beibehalten, was in diesem Falle keineswegs unpassend ist, zumal auch Treitschke ein Gegner von Rechtschreibreformen war. - Die Schriftleitung

Heinrich von Treitscke - Unsere Aussichten

…Unterdessen arbeitet in den Tiefen unseres Volkslebens eine wunderbare, mächtige Erregung. Es ist als ob die Nation sich auf sich selber besänne, unbarmherzig mit sich in´s Gericht ginge. Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, die letzten Monate im Auslande verlebte und nun plötzlich wieder eintritt in die stürmische deutsche Welt, der erschrickt fast vor diesem Erwachen des Volksgewissens, vor diesen tausend Stimmen, die sich unter einander entschuldigen oder verklagen. Der Hergang ist umso erstaunlicher, da er sich fast ganz unabhängig von der Presse vollzieht; denn noch nie sind unsere Zeitungen so wenig ein treues Spiegelbild der öffentlichen Meinung gewesen. Wenn man die Mehrzahl der deutschen Blätter durchmustert, so sollte man meinen, die liberalen Wunschzettel der sechziger Jahre und der naive Glaube an die unfehlbare sittliche Macht der „Bildung“ beherrschten noch immer unser Volk. In Wahrheit steht es anders. Die wirtschaftliche Noth, die Erinnerung an so viele getäuschte Hoffnungen und an die Sünden der Gründerzeiten, der Anblick der zunehmenden Verwilderung der Massen, die mit der Verbreitung der Geheimkünste des Lesens und des Schreibens mindestens gleichen Schritt hält, und nicht zuletzt das Gedächtniß jener Gräueltage vom Frühjahr 1878 – das Alles hat Tausende zum Nachdenken über den Werth unserer Humanität und Aufklärung gezwungen. Tausende fühlen, daß wir Gefahr laufen über unserem Bildungsdünkel den sittlichen Halt des Menschenlebens ganz zu vergessen. Während breite Schichten unseres Volkes einem wüsten Unglauben verfallen, ist in anderen der religiöse Ernst, der kirchliche Sinn unverkennbar wieder erstarkt. Auf der evangelischen Generalsynode fiel manches häßliche zelotische Wort, die alte Theologensünde, die Gleichgiltigkeit gegen das positive Recht des weltlichen Staates verrieth sich in einzelnen unerfreulichen Beschlüssen; der hoffentlich unausführbare Versuch, die theologischen Facultäten der kirchlichen Parteiherrschaft zu unterwerfen, erregte gerechtes Befremden; aber Eines haben diese Verhandlungen auch den Gegnern bewiesen: daß diese Kirche noch lebt, daß sie eine wirksame Macht ist, festgewurzelt im Volke, voll sittlichen Ernstes und keineswegs arm an geistigen Kräften.

Das erwachte Gewissen des Volks wendet sich vornehmlich gegen die weichliche Philanthropie unseres Zeitalters. Recht als ein Zeichen der Zeit erschien in den letzten Wochen die Schrift von O. Mittelstädt „Gegen die Freiheitsstrafen“ – ein kräftiger Protest wider jene Verhätschelung und Verzärtelung der Verbrecher, welche unsere Zuchthäuser übervölkert hat und zur Grausamkeit gegen die rechtschaffenen Leute wird. Warum ist diese streng sachlich gehaltene Schrift bereits durch Entrüstungsmeetings und grimmige Verachtungsresolutionen der radikalen Parteien beantwortet worden? Weil die Helden der philanthropischen Phrase im Stillen fühlen, daß der tapfere Verfasser, obwohl seine Sätze im Einzelnen sich vielfach bestreiten lassen, im Wesentlichen doch nur ausspricht was Hunderttausende denken. Der ganze Zug der Zeit drängt dahin, daß die unerbittlich strenge Majestät des Rechts in unseren Gesetzen wie in ihrer Handhabung wieder zur vollen Anerkennung gelangen muß.

Unter den Symptomen der tiefen Umstimmung, welche durch unser Volk geht, erscheint keines so befremdend wie die leidenschaftliche Bewegung gegen das Judenthum. Vor wenigen Monaten herrschte in Deutschland noch das berufene „umgekehrte Hep Hep Geschrei“. Über die Nationalfehler der Deutschen, der Franzosen und aller anderen Völker durfte Jedermann ungescheut das Härteste sagen; wer sich aber unterstand über irgend eine unleugbare Schwäche des jüdischen Charakters gerecht und maßvoll zu reden, ward sofort fast von der gesammten Presse als Barbar und Religionsverfolger gebrandmarkt. Heute sind wir bereits so weit, daß die Mehrheit der Breslauer Wähler – offenbar nicht in wilder Aufregung, sondern mit ruhigem Vorbedacht – sich verschwor unter keinen Umständen einen Juden in den Landtag zu wählen; Antisemitenvereine treten zusammen, in erregten Versammlungen wird die „Judenfrage“ erörtert, eine Fluth vn judenfeindlichen Libellen überschwemmt den Büchermarkt. Es ist des Schmutzes und der Roheit nur allzu viel in diesem Treiben, und man kann sich des Ekels nicht erwehren, wenn man bemerkt, daß manche jener Brandschriften offenbar aus jüdischen Federn stammen; bekanntlich sind seit Pfefferkorn und Eisenmenger die geborenen Juden unter den Judenfressern immer stark vertreten gewesen. Aber verbirgt sich hinter diesem lärmenden Treiben wirklich nur Pöbelroheit und Geschäftsneid? Sind diese Ausbrüche eines tiefen, lang verhaltenen Zornes wirklich nur eine flüchtige Aufwallung, so hohl und grundlos wie einst die teutonische Judenhetze des Jahres 1819? Nein, der Instinkt der Massen hat in der That eine schwere Gefahr, einen hochbedenklichen Schaden des neuen deutschen Lebens richtig erkannt; es ist keine leere Redensart, wenn man heute von einer deutschen Judenfrage spricht.

Wenn Engländer und Franzosen mit einiger Geringschätzung von dem Vorurtheil der Deutschen gegen die Juden reden, so müssen wir antworten: Ihr kennt uns nicht; Ihr lebt in glücklicheren Verhältnissen, welche das Aufkommen solcher „Vorurtheile“ unmöglich machen. Die Zahl der Juden in Westeuropa ist so gering, daß sie einen fühlbaren Einfluß auf die nationale Gesinnung nicht ausüben können; über unsere Grenze aber dingt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein deren Kinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen; die Einwanderung wächst zusehends, und immer ernster wird die Frage, wie wir dies fremde Volksthum mit dem unseren verschmelzen können. Die Israeliten des Westens und des Südens gehören zumeist dem spanischen Judenstamme an, der auf eine vergleichsweise stolze Geschichte zurückblickt und sich der abendländischen Weise immer ziemlich leicht eingefügt hat; sie sind in der That in ihrer großen Mehrzahl gute Franzosen, Engländer, Italiener geworden – soweit sich dies billigerweise erwarten läßt, von einem Volke mit so reinem Blute und so ausgesprochener Eigenthümlichkeit. Wir Deutschen aber haben mit jenem polnischen Judenstamme zu thun, dem die Narben vielhundertjähriger christlicher Tyrannei sehr tief eingeprägt sind; er steht erfahrungsgemäß dem europäischen und namentlich dem germanischen Wesen ungleich fremder gegenüber.

Was wir von unseren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen – unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerungen, die uns Allen ehrwürdig sind; denn wir wollen nicht, daß auf die Jahrtausende germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischkultur folge. Es wäre sündlich zu vergessen, daß sehr viele Juden, getaufte und ungetaufte, Felix Mendelssohn, Veit, Riesser u. A. – um der Lebenden zu geschweigen – deutsche Männer waren im besten Sinne, Männer, in denen wir die edlen und guten Züge deutschen Geistes verehren. Es bleibt aber ebenso unleugbar, daß zahlreiche und mächtige Kreise des Judenthums auf unser nationales Leben, die in früheren Tagen manches Gute schuf, sich neuerdings vielfach schädlich zeigt. Man lese die Geschichte der Juden von Graetz: welche fanatische Wuth gegen den „Erbfeind“, das Christenthum, welcher Todhaß gerade wider die reinsten und mächtigsten Vertreter germanischen Wesens, von Luther bis herab auf Goethe und Fichte! Da wird unter beständigen hämischen Schimpfreden bewiesen, dass die Nation Kants eigentlich erst durch die Juden zur Humanität erzogen, da die Sprache Lessings und Goethes erst durch Börne und Heine für Schönheit, Geist und Witz empfänglich geworden ist! Welcher englische Jude würde sich je unterstehen, in solcher Weise das Land, das ihn schützt und schirmt, zu verleumden? Und diese verstockte Verachtung gegen die deutschen Gojim ist keineswegs blos die Gesinnung eins vereinzelten Fanatikers. Keine deutsche Handelsstadt, die nicht viele ehrenhafte, achtungswerthe jüdische Firmen zählte; aber unbestreitbar hat das Semitenthum an dem Lug und Trug, an der frechen Gier des Gründer-Unwesens einen großen Antheil, eine schwere Mitschuld an jenem schnöden Materialismus unserer Tage, der jede Arbeit nur noch als Geschäft betrachtet und die alte gemüthliche Arbeitsfreudigkeit zu ersticken droht; in tausenden deutscher Dörfer sitzt der Jude, der seine Nachbarn wuchernd auskauft. Unter den führenden Männern der Kunst und Wissenschaft ist die Zahl der Juden nicht sehr groß; um so stärker die betriebsame Schaar der semitischen Talente dritten Ranges. Und wie fest hängt dieser Literatenschwarm unter sich zusammen; wie sicher arbeitet auf den erprobten Geschäftsgrundsatz der Gegenseitigkeit begründete Unsterblichkeits-Versicherungsanstalt, also daß jeder jüdische Poetaster jenen Eintagsruhm welchen die Zeitungen spenden, blank und baar, ohne Verzugszinsen ausgezahlt erhält.

Am Gefährlichsten aber wirkt das unbillige Übergewicht des Judenthums in der Tagespresse – eine verhängnißvolle Folge unserer engherzigen alten Gesetze, die den Israeliten den Zutritt zu den meisten gelehrten Berufen versagten. Zehn Jahre wurde die öffentliche Meinung in vielen deutschen Städten zumeist durch jüdische Federn „gemacht“; es war ein Unglück für die liberale Partei und einer der Gründe ihres Verfalls, daß grade ihre Presse dem Judenthum einen viel zu großen Spielraum gewährte. Der nothwendige Rückschlag gegen diesen unnatürlichen Zustand ist die gegenwärtige Ohnmacht der Presse; der kleine Mann lässt sich nicht mehr ausreden, daß die Juden die Zeitungen schreiben, darum will er ihnen nichts mehr glauben. Unser Zeitungswesen verdankt jüdischen Talenten sehr viel; grade auf diesem Gebiete fand die schlagfertige Gewandtheit und Schärfe des jüdischen Geistes vo jeher ein dankbares Feld. Aber auch hier war die Wirkung zweischneidig. Börne führte zuerst in unsere Journalistik den eigenthümlich schamlosen Ton ein, der über das Vaterland so von außen her, ohne jede Ehrfurcht abspricht, als gehöre man selber gar nicht mit dazu, als schnitte der Hohn gegen Deutschland nicht jedem einzelnen Deutschen in´s tiefste Herz. Dazu jene unglückliche vielgeschäftige Vordringlichkeit, die überall mit dabei sein muß und sich nicht scheut sogar über die innern Angelegenheiten der christlichen Kirchen meisternd abzuurtheilen. Was jüdische Journalisten in Schmähungen und Witzeleien gegen das Christenthum leisten ist schlechthin empörend, und solche Lästerungen werden unserem Volke in seiner Sprache als die allerneuesten Errungenschaften „deutscher“ Aufklärung feilgeboten! Kaum war die Emancipation errungen, so bestand man dreist auf seinem „Schein“; man forderte die buchstäbliche Parität in Allem und Jedem und wollte nicht mehr sehen, daß wir Deutschen denn doch ein christliches Volk sind und die Juden nur eine Minderheit unter uns; wir haben erlebt, daß die Beseitigung christlicher Bilder, ja die Einführung der Sabbathfeier n gemischten Schulen verlangt wurde.

Ueberblickt man alle diese Verhältnisse – und wie Vieles ließe sich noch sagen! – so erscheint die laute Agitation des Augenblicks doch nur als eine brutale und gehässige, aber natürliche Reaction des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element, das in unserem Leben einen allzu breiten Raum eingenommen hat. Sie hat zum Mindesten das unfreiwillige Verdienst, den Bann einer stillen Unwahrheit von uns genommen zu haben; es ist schon ein Gewinn, daß ein Uebel, das Jeder fühlte und Niemand berühren wollte, jetzt offen besprochen wird. Täuschen wir uns nicht: die Bewegung ist sehr tief und stark; einige Scherze über die Wahrheitssprüche christlich-socialer Stump-Redner genügen nicht sei zu bezwingen. Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!

Von einer Zurücknahme oder auch nur einer Schmälerung der vollzogenen Emancipation kann unter Verständigen gar nicht die Rede sein; sie wäre ein offenbares Unrecht, ein Abfall von den guten Traditionen unseres Staates und würden den nationalen Gegensatz, der uns peinigt, eher verschärfen als mildern. Was die Juden in Frankreich und England zu einem unschädlichen und vielfach wohltätigem Elemente der bürgerlichen Gesellschaft gemacht hat, das ist im Grunde doch die Energie des Nationalstolzes und die festgewurzelte nationale Sitte dieser beiden Culturvölker. Unsere Gesittung ist jung; uns fehlt noch in unserem ganzen Sein der nationale Stil, der instinctive Stolz, die durchgebildete Eigenart, darum waren wir so lange wehrlos gegen fremdes Wesen. Jedoch sind wir im Begriff uns jene Güter zu erwerben und wir können nur wünschen, daß unsere Juden die Wandlung, die sich im deutschen Leben als ein nothwendige Folge der Entstehung des deutschen Staates vollzieht, rechtzeitig erkennen. Da und dort bestehen jüdische Vereine gegen den Wucher, die im Stillen viel Gutes wirken; sie sind das Werk einiger einsichtiger Israeliten, welche einsahen, daß ihre Stammgenossen sich den Sitten und Gedanken ihrer christlichen Mitbürger annähern müssen. Nach dieser Richtung ist noch viel zu thun. Die harten deutschen Köpfe jüdisch zu machen ist unmöglich; so bleibt nur übrig; daß unsere jüdischen Mitbürger sich rückhaltlos entschließen Deutsche zu sein, wie es ihrer Viele zu ihrem und unserem Glück schon geworden sind. Die Aufgabe kann niemals ganz gelöst werden. Eine Kluft zwischen abendländischem und semitischem Wesen hat von jeher bestanden, seit Tacitus einst über das odium generis humani klagte; es wird immer Juden geben, die nichts sind als deutsch redende Orientalen; auch eine specifisch jüdische Bildung wird immer blühen, sie hat als kosmopolitische Macht ihr gutes historisches Recht. Aber der Gegensatz läßt sich mildern, wenn die Juden, die so viel von Toleranz reden, wirklich tolerant werden und einige Pietät gegen den Glauben, die Sitten und Gefühle des deutschen Volks, das als Unbill längst gesühnt und ihnen die Rechte des Menschen und des Bürgers geschenkt hat. Daß diese Pietät einem Theile unseres kaufmännischen und literarischen Judenthums vollständig fehlt, das ist der letzte Grund der leidenschaftlichen Erbitterung von heute. –

Ein erfreulicher Anblick ist es nicht, dies Toben und Zanken, dies Kochen und Aufbrodeln einiger unfertiger Gedanken im neuen Deutschland. Aber wir sind nun einmal das leidenschaftlichste aller Völker, obgleich wir uns selbst so oft Phlegmatiker schalten; anders als unter krampfhaften Zuckungen haben sich neue Ideen bei uns noch nie durchgesetzt. Gebe Gott, daß wir aus der Gährung und dem Unmuth dieser ruhelosen Jahre eine strengere Auffassung vom Staate und seinen Pflichten, ein gekräftigtes Nationalgefühl davontragen.

15. November 1879

Quelle: W. Boehlich (Hg.) „Der Berliner Antisemitismusstreit“, S. 5-12,
Inselverlag Frankfurt / Main 1965

bzw.

Heinrich von Treitschke „Aufsätze, Reden und Schriften“, Bd. S. 477-482,
Herausgegeben von Dr. Karl Martin Schiller
F. W. Hendel-Verlag Meersburg 1929

Siehe auch
Altermedia 19.01.2003

Altermedia 24.03.2003

Altermedia 04.06.2003

Heinrich von Treitschke (Wikipedia)

Quelle: Störtebeker-Netz 17.05.06

Tags: Allgemeines

3 responses so far ↓

  • 1 Alexander // May 17, 2006 at 12:55

    Alle Achtung! Respekt der Schrifteitung, diesen Ausschnitt eines denkwürdigen historischen Dokumentes gebracht zu haben. Und Respekt vor Heinrich von Treitschke, der in seiner gewohnten Art die Dinge bein Namen nennt.

    Als überzeugter Christ finde ich es natürlich besonders bedauerlich, daß das heutige Christentum in Deutschland nicht mehr diese nationale und patriotische Ader von damals hat. Noch bedauerlicher, daß man sich heutzutage in nationalen Kreisen regelrecht dafür entschuldigen, ja rechtfertigen muß, Christ zu sein. Als ob das Christsein ein Widerspruch zu nationalem Gefühl sei. Oh Du schöne Kaiserzeit, Du hattest es einfach besser.

    Gruß

    AvL

  • 2 Isabel // May 17, 2006 at 13:44

    Unglaublich interessant; diese Entwicklung und der Einfluss der Juden in Deutschland auf die Presse vor über 130 Jahren.

    “Unser Zeitungswesen verdankt jüdischen Talenten sehr viel; … aber auch hier war die Wirkung zweischneidig. Börne führte zuerst in unsere Journalistik den eigenthümlich schamlosen Ton ein, der über das Vaterland so von außen her, ohne jede Ehrfurcht abspricht, als gehöre man selber gar nicht mit dazu, … . …und solche Lästerungen werden unserem Volke in seiner Sprache als die allerneuesten Errungenschaften „deutscher“ Aufklärung feilgeboten!”

    Er ist aber auch sehr versöhnlich: “…wir können nur wünschen, daß unsere Juden die Wandlung, die sich im deutschen Leben als ein nothwendige Folge der Entstehung des deutschen Staates vollzieht, rechtzeitig erkennen. Da und dort bestehen jüdische Vereine gegen den Wucher, die im Stillen viel Gutes wirken; sie sind das Werk einiger einsichtiger Israeliten, …

    Vielen Dank für diesen Beitrag!!

  • 3 MB // May 17, 2006 at 15:30

    Sehr verdienstvolle Veröffentlichung.

    Bitte überprüfen Sie den Treitschke-Text noch einmal sorgfältig mit dem Original. Es gibt m.E. einige entstellende Fehler und Auslassungen.

    Besten Gruß, MB

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    Schriftleitung Altermedia

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