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Pretzien / Sachsen-Anhalt: Daß Sonnenwendfeiern nicht nur nach dem üblichen Schema F veranstaltet werden müssen, sondern durchaus auch auf sehr originelle, wenn auch nur bedingt zur Nachahmung empfohlene, Weise gestaltet werden können, erlebte man am 24. Juni im sachsen-anhaltinischen Pretzien (Kreis Schönebeck). Dort hatte der unter der „Heimatbund Ostelbien (HBO)“ zu einer Tanzveranstaltung zur Sonnenwende mit kulturellem Programm und Sonnenfeuer eingeladen gehabt. Bei dem HBO handelt es sich um einen örtlichen Verein ohne Bezug auf die nationale Szene. So war u. a. auch der amtierende Bürgermeister Friedrich Harwig (PDS) Mitglied dieser Vereinigung. War. Denn inzwischen hat sich dieser Verein aufgelöst und PDS-Mitglied ist der Bürgermeister auch nicht mehr. Was ist geschehen.
Ganz einfach, sechs zivilcouragierte junge Leute zeigten dem Genossen Bürgermeister und seinen Anhängern, daß es heutzutage mehr bringt, wenn man öffentliche Veranstaltungen zu eigenen Zwecken benutzt, als in irgend einem verschwiegenen Winkel Feierlichkeiten mit großen Worten zu zelebrieren, die über den engsten Szenekreis doch nicht hinaus gelangen. Doch überlassen wir die Schilderung dieses Vorfalls berufeneren Zeitgenossen, so hieß es am 30. Juni in der Magdeburger VOLKSSTIMME dazu wie folgt:
„…Drei Euro kostet der Eintritt ins frisch sanierte Dorfgemeinschaftshaus ” Alter Krug ” in Pretzien. Versprochen waren Tanz und Kultur. Ab 19 Uhr füllt sich am Sonnabend der Saal. Eingeladen hatte nicht die Gemeinde selbst, sondern der ” Heimat Bund Ostelbien ” ( HBO ), ein Pretziener Verein mit vielen jungen Mitgliedern. Das klingt unverfänglich. Das klingt nach Abwechslung und ein bisschen auch nach Langeweile. Der Pretziener Bürgermeister, Friedrich Harwig ( PDS ), kommt. Angestellte der Verwaltungsgemeinschaft Schönebeck wollen sich ebenso einen netten Abend machen.
Doch dann bekommt das Sonnenwendefest selbst eine jähe Wende. Nach mehreren übereinstimmenden Zeugenberichten geschah Folgendes :
Nach Einbruch der Dunkelheit wurden die Gäste aus dem Saal auf die Wiese hinter das Gemeindehaus gebeten. Dort stehen auf drei Ecken verteilt sechs dunkel gekleidete Jugendliche, alle um die 20 Jahre alt. Sie tragen brennende Fackeln. Einer ist mit einem T-Shirt mit der Aufschrift ” Wehrmacht Pretzien ” bekleidet.
In der Mitte steht eine knapp drei Meter hohe Säule aus Holz und Stroh. Die Festbesucher verteilen sich erwartungsvoll ebenfalls um die theatralische Aufstellung. Es herrscht allgemeines Schweigen. Die Jugendlichen halten ” martialische Reden rund um den germanischen Kult der Sonnenwende “, erinnert sich ein Besucher. Aber auch der Irakkrieg der USAmerikaner wird erwähnt.
Einer nach dem anderen treten die jungen Leute an das Feuer und werfen ihre Fackeln hinein. Auch ein Beutel wird in das Feuer geschmissen, rollt aber immer wieder hinaus. Ein junger Mann öffnet schließlich den Beutel, zieht eine USAFahne heraus, zeigt sie in die Runde und wirft sie ins Feuer.
Besucher schauen sich verdutzt an. Aber offenbar bekommen die Flaggenverbrennung zunächst nicht alle mit. Es wird sogar applaudiert – ” gemeint war aber die Aufführung als solche, die laut Ankündigung Bezug auf die vier Jahreszeiten nehmen sollte “, glaubt eine Zeugin.
Dann herrscht wieder Schweigen. In die Stille ruft einer der Jugendlichen seine Mitstreiter dazu auf, dem Feuer zu übergeben, was jeder für verbrennenswürdig hält. Einer der jungen Leute sagt, er übergebe jetzt Anne Frank dem Feuer.
Er ruft es nicht, sagt es auch nicht ganz leise. Er spricht es so laut aus, dass ein großer Teil der Besucher es mitbekommt. Dann geht er zum Feuer in die Mitte und wirft eine Taschenbuchausgabe der Tagebuchaufzeichnungen des jüdischen Mädchens ins Feuer.
Das Buch ist zerfl eddert. Ein Zeuge erinnert sich, am frühen Abend die Jugendlichen bereits ” beim Fußballspielen mit dem Buch ” gesehen zu haben.
Nun wird den meisten klar, welche Richtung dieses ” kulturelle Programm ” genommen hat. ” Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Ich habe nur noch zu meinen Freunden gesagt, kommt weg hier “, beschreibt ein Besucher seine Gefühle. Der Saal im Gemeindehaus leert sich in wenigen Minuten. Bürgermeister Harwig sinkt wie unter Schock an seinem Tisch zusammen.
Eine Mitarbeiterin des Ordnungsamtes Schönebeck, die privat auf der Feier ist, versucht noch zehn Minuten lang mit den Jugendlichen zu diskutieren. ” Dann hat sie jeden weiteren Alkoholausschank verboten und schließlich das Fest für beendet erklärt “, so Schönebecks zuständiger Dezernent Gerd Stegmann. Er sei am Montag von seiner Mitarbeiterin über den Vorfall informiert worden.
Das Fest sei als rechte Veranstaltung nicht zu erkennen gewesen, weil aus dem Programm kein rechtsgerichteter Hintergrund zu entnehmen war. ” Und in dem, Heimat Bund Ostelbien ‘ ist ja auch der Bürgermeister Mitglied “, so der Dezernent. …
Am 30. Juni zog dann die Staatsanwaltschaft Magdeburg die Ermittlungen an sich. Ermittelt wird wegen des Verdachtes auf Volksverhetzung. Eine Anzeige in diesem Sinne stammt auch vom sogenannten „Anne-Frank-Zentrum“ Berlin, wo man nicht nur über die Buchverbrennung untröstlich, sondern auch noch über etwas anderes: „Es ist ein ungeheuerlicher Vorgang. Besonders erschreckend finde ich, dass es keinen öffentlichen Aufschrei der Bürger Pretziens gab”, so jedenfalls Zentrumsdirektor Thomas Heppener gegenüber der Presse. Heppener machte inzwischen der Verwaltungsgemeinschaft Schönebeck bereits Vorschläge, zur Koordinierung gemeinsamer Schritte für die Arbeit gegen Rechtsextremismus.
Der unglückliche Bürgermeister, der von dieser Verbrennungsaktion selber überrascht wurde, erhielt ebenfalls am 30. Juni von seiner Partei die Aufforderung, die PDS zu verlassen und auf sein Amt zu verzichten. Als echter Demokrat erklärte Herwig freilich, daß er nur aus der Partei austreten, nicht aber auf sein Amt verzichten werde. So meinte er, daß diese Aufforderung schon von den Einwohnern seines Ortes selber kommen müsse. Tatsächlich aber gibt es in Pretzien bislang wegen des Vorfalls kaum Aufregung. Gut, gegenüber der Presse, wenn man überhaupt mit ihr spricht, gibt man sich etwas geschockt, ansonsten aber gewinnt man eher den Eindruck, daß man die Geste der jungen Leute keineswegs so verwerflich findet. So läßt sich die Verbrennung der US-Fahne wohl kaum als moralisch verwerfliches Tun bezeichnen, ist diese Geste doch eine durchaus legitime Art des Protestes gegen Staaten, die andere Länder mit Krieg überziehen und unterjochen. Die Aufregung über die Flaggenverbrennung in linken Medien ist umso weniger nachzuvollziehen, da Autodafés dieser Art früher auch einmal von linker Seite recht häufig praktiziert wurden. Strafrechtlich dürfte die Flaggenverbrennung kaum Konsequenzen nach sich ziehen, da derartiges nur dann zum Problemfall wird, wenn es sich um Fahnen an anerkannten ausländischen Vertretungen, wie Botschaften oder Gesandtschaften handelt (StGB § 104)
Etwas komplizierter liegt der Fall mit dem Anne-Frank-Tagebuch. Zwar sind wir weit entfernt den Leuten in Pretzien wegen der Verbrennung dieses Buches und der ihr vorausgehenden Sonderbehandlung, Vorwürfe zu machen, ist ein solches Verhalten nach der Lektüre des Buches menschlich gesehen doch zumindest nachvollziehbar, doch hätten wir es schon lieber gesehen, wenn man auf eine solche Aktion verzichtet hätte. Nicht aus Mitleid wegen des Tagebuches, über dessen Entstehungsgeschichte wir uns hier wohl nicht weiter verbreiten müssen, sondern schlicht und einfach aus dem Grunde, weil man Bücher nun einmal nicht verbrennt. Wer so etwas tut, der tut sich keinen Gefallen und schon gar nicht der Sache einen Gefallen, der er damit zu dienen glaubt. Stattdessen lehrt die Erfahrung, daß Aktionen dieser Art nur dem inkriminierten Buch selber nützen, da es dadurch erst richtig interessant gemacht wird.
| Die Seite die in Anne Franks Tagebuch fehlt |
Besser wäre es in diesem Fall gewesen, wenn man sich einige Exemplare der Aufklärungsschrift „Die Wahrheit über das Tagebuch der Anne Frank“ von Gerd Knabe (ISBN 3-924799-09-1) besorgt und diese unter die Leute gebracht hätte, aber andererseits wollen wir auch nicht mosern, leben wir doch schließlich in einer Zeit, wo drastischer Meinungsterror zu solchen Aktionen doch förmlich herausfordert. Ob die Verbrennung dagegen strafrechtlich relevant ist, muß ebenfalls erst abgewartet werden. Nach unserem Dafürhalten eigentlich nicht, schließlich wurde das Buch ja nicht gestohlen. Abgesehen davon ist uns bislang nichts davon bekannt, daß es verboten wäre, sich Bücher zu entledigen, die einem nicht gefallen.
Das Anne-Frank-Zentrum wird daher damit leben müssen, daß es neben dem gewöhnlichen Recycling nun auch noch eine andere Verwendungsmöglichkeit gibt, um Publikationen dieser Art wenigstens einem nützlichen Zweck, in diesem Fall war es eben eine öffentliche Lustbarkeit, zuzuführen. Könnte man sich dazu entschließen, die Anne-Frank-Tagebücher künftig auf weicherem Papier zu drucken, wüßten wir auch noch eine andere Verwendungsmöglichkeit, die wir jedoch aus Gründen des guten Geschmacks an dieser Stelle nicht näher anführen wollen. Diese wäre zwar weniger öffentlichkeitswirksam, käme dem Werk an sich aber wohl am gerechtesten.
Siehe auch
Volksstimme 04.07.06
Aus technischen Gründen sowie aus Gründen von Geschmack und Ästhetik - und um zumindest ein gewisses Niveau zu halten - haben wir die Kommentarfunktion im Störtebeker-Netz bis auf weiteres eingestellt. Leser die dennoch auf einen Kommentar der hier veröffentlichten Artikel nicht verzichten wollen, können dies auf Altermedia Deutschland tun. Allerdings machen wir darauf aufmerksam, daß die Veröffentlichung erst nach Prüfung durch die Schriftleitung erfolgt. – Die Schriftleitung
Quelle: Störtebeker-Netz 04.07.06




8 responses so far ↓
1 Der Wald // Jul 5, 2006 at 12:32
Man sollte wiaaen, dass das “Tagebuch”ein Roman ist–frei erfunden.
2 ute // Jul 5, 2006 at 15:02
Habe Die Wahrheit über das Tagebuch der Anne Frank“ von Gerd Knabe gelesen und bin verwundert, das die anderen unzähligen Bücher über Anne Frank, noch nicht in die Abteilung Märchen aufgenommen wurde.
3 Thomas Brehl // Jul 6, 2006 at 22:09
Und selbst den Märchen ist nicht zu trauen, so haben namhafte Revisionisten jetzt herausgefunden, daß Hänsel und Gretel die Hexe gar nicht verbrannt haben, sondern daß sie lediglich im Knusperhäuschen interniert wurde.
4 Häschen // Jul 6, 2006 at 23:14
http://www.titanic-magazin.de/archiv/0206/cover0206.php
5 wartender Krieger // Jul 7, 2006 at 0:09
Um Himmels Willen! Ein weiterer Eckpfeiler der wissenschaftlichen Holocaustforschung wackelt!
War doch gerade die GEschichte von Hänsel und Gretel DER Beweis schlechthin, daß das Verbrennen von Menschen in Öfen geradezu eine feste Eigenschaft des deutschen Charakters und ein Grundbedürfnis der deutschen Volksseele ist!
Und nicht nur das, so ist dieses weltbekannte Märchen auch noch ein Hinweis darauf, daß bereits in früherer Zeit in Deutschland ein Holocaust stattgefunden hat!
Denn die böse Hexe (hässlich, hinterhältig, vermutlich Hakennasig und stinkreich - hat so viel zu Essen daß sie sich sogar ein Haus aus Lebkuchen leisten kann, während die germanischen Eltern ihre Kinder töten/fortschicken müssen, um selbst nicht zu Verhungern - eindeutig jüdische Klischeemerkmale!) wird ja von diesen germanischen Kindern heimtückisch hintergangen und nachdem diese sich durch die naive Freundlichkeit und Großzügigkeit der Hexe kräftig gemästet haben, stoßen sie diese in einen Backofen, um sich deren Besitz anzueignen, diesen sozusagen zu “arisieren”!
Die Charakterisierung der Hexe als böse und verschlagen, welche die Kinder gefangen hält um diese selbst zu fressen, kann wohl getrost als antisemitische Gräuelpropaganda abgehakt werden!
Wie man offenkundig, ICH SAGTE OFFENKUNDIG!!!! sieht, haben die Gebrüder Grimm hier geschickt das Nationalsozialistische Judenvernichtungsprogramm vorweggenommen! Ein eindeutiger UND OFFENKUNDIGER Hinweis darauf, daß die deutsche Volksseele den Holocaust bereits seit Jahrhunderten herbeigesehnt hat!
Aber oh je! Jetzt haben die pösen Revisionisten sogar dieses Märchen zu Fall gebracht!
Wie viele Märchen werden diese unermüdlichen Forscher noch ins Reich der Fabel verweisen, alte wie neue?
Und vor allem: wird sich das auserwählte Volk schnell genug neue Märchen ausdenken können, schneller als diese Revisionisten sie zerstören können?
Denn wenn nicht, wird bald das größte Märchen von allen fallen - das von der Auserwähltheit und ewigen Opferrolle!
Und dann - OY WEY! - wenn alle Märchen verschwunden sind, wovon soll der Märchenerzähler dann noch leben?
6 DrKNickel // Jul 9, 2006 at 14:49
Einen kritischen Beitrag zum Umgang mit dem Thema habe ich hier gefunden:
Journalistisch ist der Umgang der Mitteldeutschen Zeitung mit dem Thema fragwürdig. Zwar stellt der Inhalt des Informationskastens “Volksverhetzung” klar, dass sich dieser nicht auf den ehemaligen Minister bezieht, sondern auf zwei Mitglieder des Vereins. Doch betrachtet man erst einmal die Überschriften (”Ex-Innenminister mit Rechten auf Foto, Kritik an Jeziorsky” und “Volksverhetzung, Haftstrafe möglich”), dann erhalten die Überschrift einen eigenen Aussagekern, der Jeziorsky völlig zu Unrecht in das schlechte Licht eines Volksverhetzers rückt. Das gleiche gilt auch für Bürgermeister Harwig.
Gesamter Text bei: http://www.peter-kehl.de/modules.php?name=News&file=article&sid=197
7 Thomas Brehl // Jul 10, 2006 at 10:30
Die FAZ-Netzausgabe nimmt sich des Themas heute auch nochmal an:
Seitenverweis:
http://www.faz.net/s/Rub61EAD5BEA1EE41CF8EC898B14B05D8D6/Doc~E4E8BE82751274030BACEDC1C740751D2~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Völlig verschwiegen wird natürlich wieder, daß selbst der SPIEGEL unter Berufung auf Untersuchungen des Bundeskriminalamtes nicht ausschloß, daß es sich beim \”Tagebuch der Anne Frank\” um eine von ihrem Vater veranlaßte oder durchgeführte Fälschung handelte. Erneut wird auch behauptet Anne Frank sei \”ermordet\” worden, wobei selbst die offizielle Geschichtsschreibung davon ausgeht, daß sie an Typhus verstarb.*
Das genügt bereits. In Stralsund wurde vergangenes Jahr der Herausgeber der Schülerzeitung AVANTI eben deshalb verurteilt, weil er genau dieses behauptet hatte. Die Auslegung des Begriffes \”Mord\” ist, wenn es um Juden geht, eben überaus generös und allumfassend. Wäre sie in Bergen-Belsen von einigen notgeilen Sittenstrolchen aus den Reihen der Häftlinge zu Tode vergewaltigt worden, so würde dies vermutlich auch als Ermordung durch die Nazis gelten.
Schriftleitung Altermedia
8 Feirefitz // Dec 7, 2006 at 16:09
Der Kölner Stadt-Anzeiger beleuchtet das Ganze nochmal ein paar Monate später:
Die Geschichte einer Überforderung
VON BERNHARD HONNIGFORT, 07.12.06, 07:00h
Pretzien - Vier Telefone hat der Mann, eines davon bimmelt immer. Er entschuldigt sich, geht ran, ein Vertreter will ihm Wein verkaufen. „Ja, hm, vielleicht später, gerade ungünstig.“ Der Vertreter redet weiter, Friedrich Harwig windet sich, verdreht die Augen. Der Vertreter redet und redet. „Vielleicht noch mal in drei Monaten“, quetscht sich Harwig dazwischen. Seine Frau steht hinter ihm: „Hör endlich auf, mach Schluss, leg auf.“ Er legt auf. „Ja, dann in drei Monaten.“ Friedrich Harwig kann nicht Nein sagen.
Vor einem halben Jahr brach seine kleine Welt zusammen. Friedrich Harwig ist 66 Jahre alt. Er trägt eine braune Cordhose, ein blaugraues Hemd. Er sieht aus wie ein Mann, der gerne Holz hackt. Graues dichtes Haar, im Gesicht ein tieftrauriger Dackelblick. 25 Jahre war er technischer Offizier bei der NVA, dann wurde er Bürgermeister von Pretzien: 970 Einwohner, im platten Land hinter Magdeburg.
Am 24. Juni, einem Samstag, war eine kleine Sonnenwendfeier in Pretzien. Organisiert vom „Heimatbund Ostelbien“. Mehrere Dutzend Pretziener waren da. Es wurde eine Menge getrunken. Und dann passierte es: Junge Männer warfen eine US-Flagge in das große Holzfeuer. Und das Tagebuch der Anne Frank. Friedrich Harwig stand daneben. Er sah das Buch fliegen, wusste aber nicht, welches Buch es war. Er sah die Flagge verbrennen. Dann rannte er los, suchte jemanden, der die Feier beendet. Dass er es selbst tun sollte, darauf kam er nicht.
Eine Frau vom Landkreis Schönebeck brach die Feier schließlich ab. Eine Woche danach sickerte die Geschichte durch. Zeitungen, Radios, Fernsehanstalten überrollten das Dorf, und die Dörfler machten dicht. Einer Reporterin wurden die Autoreifen zerstochen. Friedrich Harwig gab Interviews, versuchte zu erklären, zu relativieren, zu entschuldigen. Er redete sich um Kopf und Kragen. Es war wie immer, wenn so etwas passiert. Die große Politik empörte sich, Ministerpräsident Wolfgang Böhmer nannte den Vorfall beschämend, aus dem Bundestag hagelt es Kritik. Die PDS forderte ihren Bürgermeister zum Rücktritt auf. Die Staatsanwaltschaft ermittelte. Friedrich Harwig saß auf einem Trümmerhaufen.
Er ist seit 1984 Bürgermeister, erst Stellvertreter, dann Chef. Sein Alltag sind Löcher in der Straße, schiefe Bordsteine, Laubhaufen oder die Frage, ob man Linden oder Robinien im Dorf pflanzt. Und plötzlich: Rechtsextremisten, Weltöffentlichkeit, tausend Fragen, Beschimpfungen. Er war völlig überfordert. Er war schockiert, verlor zehn Pfund Gewicht, vergaß über Nacht all seine PIN-Nummern und die mühsam gelernten Englisch-Vokabeln. Es hatte ihn umgehauen.
Nun sitzt er in seinem Wohnzimmer, ein halbes Jahr danach. Der Kamin lodert, Baumkuchen steht auf dem Tisch. Er erzählt, will erzählen. Wieder klingelt sein Telefon. Diesmal eine Zeitschriftenvertreterin. Wieder windet er sich, die Stimme am anderen Ende der Leitung quasselt auf ihn ein, er findet kein Loch zwischen den Wörtern. „Hör auf!“ Seine Frau stupst ihn an: „Sag nein.“ Die Vertreterin darf noch einmal anrufen, später. „Die machen doch auch nur ihre Arbeit.“
Die jungen Männer vom „Heimatbund Ostelbien“ machten in Pretzien „Kulturarbeit“, organisierten Feste. Oder sie fassten beim Elbehochwasser mit an, trugen T-Shirts „Wehrmacht Pretzien“. Dass Rechtsextreme den Heimatverein unterwandern wollten, das glaubt Harwig bis heute nicht. Und die T-Shirts? „Wehrmacht?“ Das müsse man differenziert sehen. Sein Vater sei auch Soldat gewesen.
Sieben Männer, 23 bis 28 Jahre alt, kommen nun vor Gericht. Am 26. Februar ist Prozessbeginn. Die Staatsanwaltschaft Schönebeck wirft ihnen Volksverhetzung und die Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener vor.
Prozessbeginn im Februar
Friedrich Harwig kennt sie alle, die Rechten im Dorf. Einer, der nicht vor Gericht steht, leitete den Heimatbund, war mal in der NPD. Ein anderer singt im Chor, den der Bürgermeister dirigiert. Sie gehen arbeiten. Der Bürgermeister spricht mit ihnen. Sie reden über alles, nur nicht über den 24. Juni. Dazu schweigen die jungen Männer. „Bis heute haben sie nicht begriffen, was sie angerichtet haben“, sagt Harwig. Was denn daran so schlimm gewesen sei, hätten sie ihn gefragt.
Als Harwig vor sieben, acht Jahren merkte, dass sich in seiner Dorfjugend Rechte tummelten, wollte er sie einbinden. Ließ sie im Heimatverein mitarbeiten. Nazis raus? Hört sich gut an, sagt er. Aber wohin mit ihnen? Gut gemeint, schlecht gemacht. Harwig hat immerhin etwas probiert. Andere Bürgermeister machen einfach die Augen zu. Pretzien ist keine Ausnahme, Pömmelte, das Dorf, wo ein kleiner Junge äthiopischer Abstammung an einer Bushaltestelle von jungen Neonazis misshandelt und gequält wurde, liegt ganz in der Nähe. Harwig wollte die Rechten überzeugen, nicht ausgrenzen. Er fiel damit auf die Nase. Nichts änderte sich. Das einzige Zugeständnis, das der Bürgermeister erreichte: Es gab keine großen Neonazitreffen mehr in der Gegend.
Harwig findet seine Strategie immer noch richtig. Er kann nicht Nein sagen. Er ist kein Mann klarer Worte, er will keinen Krach, und in seinem Dorf bekommt er sowieso keine deutliche Mehrheit für einen harten Kurs zusammen. Viele, sagt er, fänden das gar nicht so schlimm, was im Juni passierte. Eher die Aufregung danach. Und wenn er über die PDS spricht, kommen ihm die Tränen. Dann muss er in sein Taschentuch schnäuzen. 50 Jahre war er in SED und PDS. 50 Jahre. Und jetzt zwangen sie ihn zum Rücktritt. Ohne ein Wort mit ihm zu sprechen. Ohne ihm zu helfen.
Bewegung von unten
Friedrich Harwig tut, was er kann. Er hat elf Leute in seinem Dorf angesprochen und mit ihnen eine kleine „Aktivgruppe“ gegründet. Mit ihnen will er etwas bewegen. Die Veränderung, die demokratische Bewegung, müsse von unten kommen, sagt er. Von oben, vom Bürgermeister, das gehe nicht. „Wirkt aufgesetzt.“ Er hat sich angehört, was Rechtsextremismus-Experten in Berlin und Magdeburg meinten. Demnächst ist sogar eine Probe vom Thalia-Theater in Halle mit ihrem Anne-Frank-Stück in Pretzien. Anschließend Podiumsdiskussion mit Experten und Bürgermeister. „Hoffentlich kommen auch viele aus dem Dorf“, sagt Harwig. Ansonsten treffen sich die Rechtsextremisten weiter in Pretzien.
Manchmal begegnet der Bürgermeister einigen von ihnen. Wenn der Prozess vorbei ist, sagt Harwig dann will er mit den jungen Männern reden, auch über den 24. Juni. Man könne mit ihnen reden, meint er. Sie seien zwar Rechtsextremisten, aber nicht solche, die herumprügeln würden. Friedrich Harwig kann nicht Nein sagen. Er kann keinen Strich ziehen. Er mag keinem wehtun.
http://www.ksta.de/jks/artikel.jsp?id=1162473144827
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