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Literarisches: Das geheimnisvolle Verschwinden des Propheten Elias vor dem Senat des Strafgerichtes in Israel von Jaroslav Hasek(14.09.06)

17:43 · Post your comment (3 Comments)

Folgende überaus lesenswerte Geschichte entstammt der Feder des bekannten tschechischen Satirikers Jaroslav Hasek (1883 bis 1923), der der literarischen Welt auch als geistiger Vater des braven Soldaten Schwejk bekannt ist. Entnommen wurde sie dem Erzählungsband “Eine peinliche Staatsaffäre” vom Artia Verlag Prag (1961).
Es handelt sich dabei um eine Glosse auf biblische Begebenheiten. Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit zeitgenössischen Wiedergutmachungsprozessen, politischen Tagesereignissen oder Geschehnissen der jüngeren Zeitgeschichte wären rein zufällig und mit Sicherheit nicht vom Autoren beabsichtigt. - Die Schriftleitung

Jaroslav Hasek

Das geheimnisvolle Verschwinden des Propheten Elias vor dem Senat des Strafgerichtes in Israel

(Zivilprozeß)

IN CHALAT, einer Stadt in Syrien, wurde vor kurzem eine Papyrusrolle aufgefunden, deren Entzifferung mit großen Schwierigkeiten verbunden war. Es gelang aber doch, und die gebildete Welt ist um eine Perle antiken Schrifttums reicher.

Offenbar handelt es sich um das Gerichtssaalreferat einer Zeitung die in Israel zur Zeit des Königs Achab erschienen ist, und dessen voller Wortlaut lautet:
Die Leser unseres Blattes erinnern sich bestimmt an das geheimnisvolle Verschwinden des Propheten Elias, der zuletzt in der Prophetenschule in Galgali, wo er um zehn Uhr früh ein Stückchen Eselswurst verzehrt, gesehen wurde. Um drei Uhr kam er nach Bethlehem, wo er mit Eliseus zusammentraf. Wie Eliseus behauptet, war der Prophet Elias guten Mutes und unterhielt sich sehr gut mit den auf dem Felde arbeitenden Landleuten. Beide gingen nach Jericho und stiegen zusammen zum Jordan hinunter, um noch abends Israel zu erreichen. Ungefähr zwei Wegstunden vor der Stadt kamen sie zu einem großen Wald, der ein beliebtes Ausflugsziel der hiesigen Bevölkerung ist. Auf einer kleinen Waldlichtung lärmten einige Buben aus dem nahen Dorf Banboty. Kaum erblickten sie den Propheten Elias, der wie aus dem in der vorletzten Nummer veröffentlichten Bild ersichtlich ist, eine Glatze hat, da schrieen sie auch schon: “Glatzkopf, Glatzkopf !” Nach der Zeugenaussage der Schulkinder Jehu und Nabotha ließ der Prophet Elias einen Pfiff ertönen, und aus dem Dickicht stürzten zwei Bären hervor, die im ganzen acht lärmende Kinder zerfleischten und zerrissen und dann davonliefen. Als sich der Prophet Elias der Folgen seiner unbesonnenen Tat bewußt geworden war, verschwand er, und es konnte bisher nicht ermittelt werden, wo er sich aufhält. Sein Begleiter Eliseus, der verhaftet wurde, behauptet Elias sei in einem Feuerwagen gen Himmel gefahren, was wohl nur leere Ausflüchte sind, um den Fahndungsdienst auf eine falsche Spur zu führen.

Die Väter der zerfleischten und zerrissenen Schulkinder brachten sofort gegen den Propheten Elias eine Klage auf Schadenersatz ein. Bei der gestrigen Verhandlung gelangten wir zur Ansicht, daß sie aus der ganzen Angelegenheit Kapital zu schlagen suchten. Alle Kläger waren Juden, und da darf es uns nicht wundern, daß sie den Prozeß als Goldgrube betrachteten. Dem Propheten Elias gehört in Israel das Haus Nummer 247 und in Bethlehem das Haus Nummer 8. Das Gericht gab dem Antrag der Rechtsanwälte der Geschädigten statt, und da der Angeklagte nicht ausfindig gemacht werden konnte, konfiszierte es in contumaciam dessen Eigentum, um den Schaden, über dessen Höhe gerade gestern in öffentlicher Verhandlung entschieden werden sollte, zu ersetzen.

Wir wollen weder für die eine noch für die andere Seite Partei nehmen, aber es erscheint uns, daß vor allem die unglücklichen Opfer dieser verhängnisvollen Angelegenheit die Schuld tragen. Die Kinder achten heute verdiente Leute nicht, denn ihre Erziehung ist sehr oberflächlich. Sie lesen nur blutrünstige Schundromane und besuchen Theatervorstellungen, die entschieden in keiner Weise geeignet sind, ihre Seelen zu veredeln. Auch die Kinematographen haben ihren Anteil daran. Ehrliche nationale Aktivisten, zu denen der Prophet Elias gehörte, sind unserer Jugend unbekannt, und es wäre an der Zeit, daß unsere Jugend anstatt pornographischer Bilder die Photographien hervorragender Männer ansähe, und dann wäre es bestimmt nicht zu jener großen Tragödie gekommen, die sich bei Banboty abgespielt hat. Bei der Voruntersuchung wurde festgestellt, daß jene Bären ganz zahm waren und daß sie gleichfalls Eigentum des Herrn Propheten Elias waren, der mit ihnen einst ganz Palästina durchzog. Als der dann die Prophetenlaufbahn gewählt hatte, setzte er aus Dankbarkeit die Bären im Walde bei Banboty in Freiheit; vorher hatte er freilich die Bewilligung des löblichen palästinensischen Landesausschusses eingeholt. Das Rätsel konnte also bisher nicht gelöst werden, weil der Kronzeuge und Angeklagte Prophet Elias nicht da ist. Es wurde das Gerücht verbreitet, daß er Selbstmord begangen und sich im Toten Meer ertränkt habe. Wir wiederholen, was wir schon damals geschrieben haben, daß dieses Gerücht nur lächerlich ist, denn die Dichte des Toten Meeres beträgt das Vierfache der Dichte gewöhnlichen Meerwassers, so daß er sich überhaupt nicht ertränken konnte, denn man kann ja auf der Oberfläche des Toten Meeres bequem schlafen. Wahrscheinlicher ist es, daß der Prophet nach Phönizien entflohen ist, von wo er uns sicherlich bald mit einem seiner schönen und fesselnden politischen Leitartikel, die sich stets der Beliebtheit unserer Leser erfreuen, überraschen wird.

Die Verhandlung begann ungefähr acht Uhr früh, und als erster trat Herr Metzeles, dessen Sohn zerrissen vor.

“Wie hoch schätzen Sie Ihren Schaden ein ?”

“Gott der Gerechte, was heißt einschätzen ! Ich hab so einen Schaden, daß ich mich gar nicht fassen kann. Mein Sohn Aron war ja so ein braver Bub und hatte zwei Paar Hosen, was sag ich, vier Paar Hosen, vier Westen, fünf Jacken an, in jeder Tasche hatte er eine Uhr, und das alles ist weg, Got der Gerechte, der Bub ist weg, die Hosen snd weg, die Westen sind weg und die Uhren sind weg.”

“Hören Sie, Herr Metzeles, so viel konnte er an dem verhängnisvollen Tag doch nicht angehabt haben ?”

“Gott der Gerechte, was heißt er hatte nicht, er hatte noch viel mehr an, acht Hosen, acht Westen, acht Jacken, in jeder Tasche eine Uhr, eine Kette und eine Goldmünze, was sag ich, hochlöbliches Gericht, drei Goldmünzen.”

“Hören Sie, Herr Metzeles, mir scheint, daß sie übertreiben, sagen sie aufrichtig wie es war.”

“Was ich übertreib ? Jehova ist mein Zeuge, daß meine Worte so wahr sind, wie Ihr Herz rein ist, Gott der Gerechte, Sie sehen doch wie ich weine, ich weine. Es war also so: Aron sagte;
‘Tateleben, ich werd ein bißchen spazierengehen.’ Ich hab ihn so gern gehabt, und weil kalt war sag ich: ‘Nimm noch eine Jacke, noch eine Weste, noch eine Jacke,und da hast du zwei Uhren, damit du weißt, wan du nach Hause kommen sollst.’ ”

“Und warum zwei ?”

“Gott der Gerechte, eine steckte er in die Westentasche, und als er sich die andere Weste angezogen hatte, steckte er die zweite Uhr in diese, um sie nicht aufknöpfen zu müssen. Und da kommt Mameleben und sagt: ‘Aron, es ist kalt draußen, nimm noch eine Hose, noch eine Weste, noch eine Jacke und nimm diese meine Uhr, damit du weißt, wei spät es ist. Darauf kam der Bruder, ein Bruder, der zweite Bruder, der dritte Bruder, der vierte Bruder.”

Der Vorsitzende ironisch: “Und Schwestern hatte er keine ?”

“Gott sei gelobt, er hatte auch Schwestern, ein Schwester, eine zweite, eine dritte, eine vierte, eine fünfte und dann hatte er auch Onkel, einen Onkel, einen zweiten Onkel, einen dritten Onkel, ebenso drei Tanten und alle sagten ihm, ‘Nimm noch eine Hose’, aber nein, sie sagten: ‘Nimm zwei Hosen, zwei Westen, zwei Jacken und zwei Uhren.’ Und Aron gehorchte Tateleben, Mameleben, dem Großvater, der Großmutter, vier Brüdern, fünf Schwestern, drei Onkeln und drei Tanten, das macht, hochlöbliches Gericht, neunzehn Hosen, neunzehn Westen, neunzehn Jacken, neunzehn Uhren und neunzehn Goldmünzen, o Jehova, mit all dem haben sie ihn aufgefressen, und heute bin ich ein Bettler, ein vollkommener Bettler. Deshalb fordere ich als Entschädigung für diese Sachen eine Tonne Silber, für den Schreck eine zweite Tonne, für das Unglück eine dritte, für das Leid eine vierte, für die Tränen eine fünfte und dafür, daß ich den Ernährer verloren hab, die sechste.

“Aber gestatten Sie, so ein Bub konnte doch nicht Ihr Ernährer sein ?”

“Gott der Gerechte, wenn jemand den Vater ernährt, dann ist er doch der Ernährer. Wär er nicht gewesen, so hätte ich nicht sechs Tonnen Silber fordern können. Gott der Gerechte, ich hab also meinen Ernährer verloren oder nicht ?”

Das Gericht vertagte hierauf die Versammlung auf unbestimmte Zeit.

Ähnlichkeiten mit gegenwärtigen Ereignissen der Zeitgeschichte sind wie weiter oben schon gesagt rein zufällig und nicht vom Autoren beabsichtigt. - Die Schriftleitung

Quelle: www.stoertebeker.net/elias.html

Tags: Allgemeines · Parole Spaß

3 responses so far ↓

  • 1 lustisch // Sep 15, 2006 at 10:08

    sehr, sehr lustisch;-)

  • 2 Rudolf // Sep 15, 2006 at 15:15

    Anderes Thema:
    Unter http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,437210,00.html gibt es ein sehr interessantes Interview zu den Verbrechen der SED-Diktatur.
    Besonders überrascht hat mich folgende Aussage:
    “[...]Aber viele Kulturakteure sind für die Untaten, die im Namen von Marx, Engels, Lenin, Mao und Stalin begangen wurden, merkwürdig unsensibel. Sie kennen Auschwitz, Majdanek oder Buchenwald. Aber die Hauptstandorte des Gulag wie Solowezki, Waigatsch oder Kolyma sind den meisten unbekannt - obwohl die Zahl der Toten dort noch höher war.”
    Den letzten Satz sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen.

  • 3 Schwert // Sep 16, 2006 at 9:33

    “Gott der Gerechte, wenn jemand den Vater ernährt, dann ist er doch der Ernährer. Wär er nicht gewesen, so hätte ich nicht sechs Tonnen Silber fordern können. Gott der Gerechte, ich hab also meinen Ernährer verloren oder nicht ?”

    Das klingt doch sehr plausibel. Daß der Richter das nicht einsehen will, pfff. Zum Glück ist die heutige Justiz sensibler, wachsamer und erkenntnisfreudiger.

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