| Michael Winkler |
Irgendwie ist es doch lästig, jedesmal wenn die Führer fremdländischer Barbarenvölker zu uns kommen, um ihre Tribute abzuholen, alle Kanaldeckel zuzuschweißen, Mülltonnen einzusammeln und Tausendschaften von Polizisten abzustellen, nur um zu gewährleisten, daß keiner aus dieser Delegation abhaut, sich versteckt und später um Asyl nachsucht. Das in Mainz zu veranstalten, nur damit Thomas Gottschalk eine vertraute Umgebung vorfindet, wenn er den amerikanischen Präsidenten eine Audienz gewährt, war keine sonderlich gute Idee.
Heiligendamm eignete sich da schon besser, zum einen treiben da üble Gerüche gleich über die Ostsee davon, zum anderen gibt es dort viel weniger Kanaldeckel, die man zuschweißen muß. Und in einer Gegend, aus der schon die Eingeborenen eiligst fortziehen, wollen sich hoffentlich auch keine Asylbewerber niederlassen. Grundsätzlich wäre es einer Überlegung wert, Heiligendamm dauerhaft eingezäunt zu lassen, aber da dort hin und wieder ein russischer Millionär zwecks Urlaub einfliegt, muß man diesen Ort für zahlungskräftige Gäste offen halten.
Zum Glück kommt aus Rußland auch die historische Lösung für dieses Problem. Der russische Nobelpreisträger aus der Vor-Stalin-Zeit Alexander Potemkin hat das großartige Konzept der zweckgebundenen Bauerndörfer entwickelt, wofür ihm die damalige Generalsekretärin der KPdSU, Katharina Romanowa, den Lenin-Orden überreichte und ihn zum ersten Helden der Sowjetunion ernannte.
In Anbetracht der deutsch-russischen Freundschaft (und zur Sicherung russischer Gas- und Erdöllieferungen) schlage ich vor, das im Folgenden konzipierte Staatsempfangs-Dorf Potemkinhausen zu nennen. Da ein solches Konzept weder vom Politbüro der DDR noch von Helmut Kohl ausgearbeitet wurde, müßte man das der jetzigen Kanzlerin schonend im Lauf der nächsten Monate beibringen. Zum Glück ist dieses Konzept nicht ganz so kompliziert wie Kirchhofs stark vereinfachtes Steuerkonzept (drei Sätze statt drei Seiten), also sollte es möglich sein, einen Papagei entsprechend zu dressieren, welcher im Anschluß der Kanzlerin diese Sätze solange geduldig vorträgt, bis diese sie nachplappern kann.
Zunächst benötigt dieses Projekt eine Finanzierung. Da es für die Bürger eine große Entlastung bringen wird - die Mülltonnen sind künftig vor polizeilicher Durchsuchung sicher und im Vorgarten stehen die gewohnten Gartenzwerge statt martialischer Scharfschützen - ist es nur gerecht, die Lasten auf möglichst viele Schultern zu verteilen. Das beste wäre eine Art Solidaritätszuschlag auf die Mehrwertsteuer, 0,25% auf den reduzierten Satz (derzeit 7% für Lebensmittel, Bücher etc.) und 0,5% auf den vollen Satz (derzeit 19% für Schnaps, Fernseher, Automobile etc.)
Für dieses Geld wird irgendwo im fernen Osten (also dem Wahlkreis der Bundeskanzlerin) ein spezielles Dorf errichtet, eine Mustersiedlung gemäß den Prinzipien des großen Russen. Als erstes wird das Gebiet umfassend eingezäunt, mit israelischer Entwicklungshilfe, da dort das Prinzip des vormaligen antifaschistischen Schutzwalles mit zeitgemäßer Technik weiterentwickelt wurde. Die ehemalige Tierquälerei, bei der Tausende Kampfhunde in Minenfeldern vegetierten, ohne jemals das Erfolgserlebnis eines gebissenen Republikflüchtlings beschert zu bekommen, wird dank lasergesteuerter Kampfdrohnen nicht mehr stattfinden. Minenfelder oder diebstahlsgefährdete Selbstschußanlagen sind ebenfalls überholt, das übernehmen zwei unabhängig voneinander operierende Überwachungszentralen mit Boden-Boden-Raketen.
Derart vor unerwünschten Eindringlingen geschützt, leben in Potemkinhausen handverlesene regierungstreue Menschen mit schauspielerischen Fähigkeiten (Einstellungsvoraussetzung Abitur, derzeitiger Numerus Clausus 2,4). Typen wie “Joschka” Fischer werden im Vorfeld aussortiert und kommen höchstens als Staatsgäste nach Potemkinhausen.
Jeder Bewohner von Potemkinhausen ist speziell geschult, um für ausländische Staatsgäste glaubhaft Handwerker, Industriearbeiter oder Genforscher darzustellen. Potemkinhausen hat nicht nur ein Rathaus, sondern deren vier. Die einzelnen Ortsteile sind durch eine U-Bahn miteinander verbunden, um die Darsteller unauffällig in den jeweiligen Empfangsbereich zu transportieren.
Zum Empfang der Staatsgäste gibt es eine professionelle Kapelle, die wahlweise in den Uniformen von Heer, Marine, Luftwaffe, Bergleuten, freiwilliger Feuerwehr oder bayerischen Gebirgsschützen auftreten kann. Für den Damenchor gibt es mehrere landestypische Trachten, zu deren Repertoire gehören auch jeweils zwei Lieder auf Plattdeutsch und Sorbisch.
Natürlich sind in Potemkinhausen grundsätzlich alle Kanaldeckel zugeschweißt. Statt der Mülltonnen gibt es eine zentrale unterirdische Abfallentsorgung, mit einem Fünf-Wege-Müllschlucker in jedem Haus (Papier, Glas, Bio, Grüner Punkt und Restmüll). Falls der Staatsgast es wünscht, kann er sogar ohne Volksauflauf (auf Verlangen sogar unerkannt) im lokalen Supermarkt einkaufen.
Die vier Ortsteile (auch als “Themenparks” bezeichnet) gliedern sich in eine Ostseelandschaft, ein abbruchreifes Viertel, das innerhalb weniger Stunden von ostdeutsch auf Ruhrgebiet umdekoriert werden kann, einen urbanen High-Tech-Standort und ein Alpenmilieu mit einem Nachbau von Schloß Neuschwanstein. Auf diese Weise können die Staatsgäste bei häufigeren Besuchen in unterschiedlichen Themenparks empfangen und einquartiert werden.
Jeder Themenpark verfügt über einen Hubschrauberlandeplatz. Bei Bedarf werden die Staatsgäste in einer zweistündigen Schleife über Land geflogen, um dann im zehn Kilometer entfernten neuen Themenpark zu landen. Dies gibt den Bürgerdarstellern genügend Zeit, um sich für die neue Vorführung umzukleiden.
Die Themenpark-Bürgermeister beherrschen mindestens drei Fremdsprachen und werden bei Bedarf eingesetzt. Englisch ist natürlich Pflicht (für alle Bewohner), im ersten Ausbau stehen noch Französisch, Spanisch, Russisch, Polnisch, Hebräisch und Mandarin zur Verfügung.
Potemkinhausen wird durch ein eigenes Wachregiment geschützt (plus zwei Bereitschafts-Tausendschaften der Bundespolizei). Für dieses Wachregiment wird auf erfahrene Kräfte der ehemaligen Grenzschutztruppen der DDR zurückgegriffen, die zuverlässig die Ausreise aus der BRD nach Potemkinhausen verhindern werden.
Die Anreise nach Potemkinhausen erfolgt entweder per Hubschrauber oder per Autobahn vom günstig gelegenen Militärflughafen. Die Straßen sind selbstverständlich permanent gesichert und werden vor der Benutzung durch zwei Hundertschaften Bundespolizei abgesucht. Während der Anfahrt des Staatsgastes treten die Beamten in kleinen Gruppen in Zivil fähnchenschwingend als glückliche Bürger auf, nach Potemkinhausen erhalten sie jedoch keinen Zutritt.
Natürlich gibt es in jedem Themenpark geeignete Gästehäuser. Neben Neuschwanstein im Bayernteil gibt es das Schloß der Grafen von Müggwitz im Ostseepark, die Krupp-Villa im Ruhrgebiet (auch als Thälmann-Villa, falls die Deko DDR aufgelegt wurde) und das Burj-al-Germania (7 Sterne) im Hochtechnologiepark. Das bestens geschulte Service-Personal stellt immer der BND. Eine Besonderheit im Hochtechnologiepark ist das dortige Staatskrankenhaus, das tatsächlich eine vollwertige medizinische Einrichtung ist, in der jegliche Art von Operationen und Behandlungen durchgeführt werden können. Außerhalb von Staatsbesuchen steht dieses Krankenhaus zahlungskräftigen Patienten aus dem arabischen Raum zur Verfügung (und der Bundesregierung, die damit nicht mehr ins Bundeswehrkrankenhaus gehen muß).
Potemkinhausen besitzt noch einen Zweitnutzen. Für die Hauptnachrichtensendungen bieten sich “Meinungsumfragen” an, also die Aussage des “Mannes auf der Straße”, der sich begeistert über neue Auslandseinsätze der Bundeswehr oder Waffenlieferungen an Israel äußert oder seinen Abscheu über Wahlerfolge oder Aufmärsche der NPD ausdrückt. Dank geschickter Bildregie kann sich sogar ein Potemkinhausener über eine Demonstration beschweren, die scheinbar im Hintergrund stattfindet - aber in Wirklichkeit 500 km entfernt in Wunsiedel. Besonders publikumswirksam wäre eine Attacke von “durchgebrochenen rechten Schlägern”, die binnen Sekunden von “tüchtigen Polizisten” überwältigt werden.
Das ist natürlich nur die erste Ausbaustufe von Potemkinhausen. Der geschützte Bereich mit ausgewählten Bewohnern eignet sich als sicheres Wochenenddomizil für verdiente Politiker oder gar als Altersruhesitz. Nach etwa zwei Jahren Normalbetrieb von Potemkinhausen wird der Ort erweitert. Dieser Ausbau erhält den Projektnamen “Wandlitz”.
Die Wandlitz-Zone ist direkt mit dem Krankenhaus im Hightech-Themenpark verbunden, um bei medizinischen Notfällen schnell eingreifen zu können. Wandlitz 1 umfaßt Villen für die Kanzlerin, die Bundesminister, den Bundespräsidenten, den Bundestagspräsidenten, die Fraktionsvorsitzenden und alle Ministerpräsidenten. Zur Siedlung gehört ein Konferenzzentrum für Sitzungen des Bundeskabinetts. Das Catering übernimmt das Burj-al-Germania. Für Geburtstagsständchen marschiert entweder die Kapelle oder der Damenchor auf (Bundespräsident und Bundeskanzlerin steht ein gemeinsamer Auftritt zu).
Während Wandlitz 1 nur aktiven Politikern zur Verfügung steht, sieht die nächste Erweiterung Wandlitz 2 den Bau von altengerechten Wohnungen vor. Die Anbindung an das Krankenhaus ist noch besser als bei Wandlitz 1, statt des Konferenzzentrums gibt es jedoch eine Polyklinik, die ständig mit medizinischem Fachpersonal besetzt ist. Wandlitz 2 liegt räumlich getrennt von Wandlitz 1, denn wer möchte schon ständig die Ehemaligen mit unerwünschten Ratschlägen um sich haben?
Wandlitz 2 gilt als Zusatzleistung zur normalen Pension für verdiente Politiker. Bundeskanzler und Bundespräsident erlangen durch ihre Amtsübernahme einen Anspruch auf eine zukünftige Dienst-Altersvilla in Wandlitz 2. Ministerpräsidenten und Bundesminister fällt dieser Anspruch erst nach acht Amtsjahren zu.
Natürlich ist es möglich, sich in Wandlitz 2 einzukaufen. Wirtschaftspensionäre, die keine Lust haben, in der Schweiz, in den USA oder anderweitig im Ausland zu leben, sich aber trotzdem nicht der Gefahr aussetzen wollen, von früheren von ihnen entlassenen Angestellten wiedererkannt zu werden, können sich in Wandlitz 2 für zehn Millionen Euro einkaufen (plus 120.000 Euro pro Jahr Erhaltungsbeitrag). Dafür erhalten sie die gleiche Vorzugsbehandlung wie ehemalige Politiker. Vertrauenswürdige Wohlstandspensionäre dürfen außerdem als “rüstige Rentner” bei Staatsempfängen mitjubeln oder als “bedürftige Rentner” Maßnahmen der Bundesregierung vor laufenden Kameras begrüßen.
Natürlich besteht eine zu vernachlässigende Restgefahr, daß nach einem gravierenden politischen Umsturz Potemkinhausen in ein großes Umerziehungslager umgewandelt werden wird, insbesondere nach der Errichtung von Wandlitz 2. Andererseits läßt sich das Dorf auch nach einer solchen Änderung der politischen Verhältnisse unter neuer Leitung problemlos weiter betreiben, da leicht noch ein fünfter Themenpark hinzugefügt werden kann. Je nach Art der Änderung könnte dieser dann unter dem Motto “Berghof” oder “Kreml” stehen. Eine wirklich großzügige Grundplanung erlaubt noch ganz andere Anpassungen.
Alles in allem ist Potemkinhausen eine zukunftssichere Investition - und ein großartiges Ausstellungsstück deutscher Gegenwartsarchitektur. Hoffen wir also, daß unsere Frau Bundeskanzler bald auf die Einkrächzungen ihres Papageien hört und sich von diesem Konzept überzeugen läßt.
Quelle: Michael Winkler 24.01.07


1 response so far ↓
1 berger // Jan 28, 2007 at 22:00
Die 12 ( zwölf ) Kilometer lange Einzäunung von Heiligendamm, die die jubelnden Volksmassen auf diskreten Abstand halten soll, kostet gerade mal 12 Millionen Euro.
Leave a Comment